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Schwebegarnelen im Aquarium ??

 
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Skype Status [www.SkypeRunners.com] Ryk
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1782 Garnelen

BeitragVerfasst am: So Nov 15, 2009 16:43    Titel: Schwebegarnelen im Aquarium ??

Unglaublich aber wahr: Da schrieb doch jemand kürzlich auf seiner HP über seine Zuchterfolge mit einer neuen Garnelenart u.a.: "Hat man sich erst einmal eine Zuchtgruppe zugelegt, kann man sich bald selbst an den Nachkommen erfreuen." Auch auf einigen anderen HP's entdeckte ich Pflegehinweise zu dieser neuen Garnelenart. -- Sicher, das wäre ja nichts besonderes, wenn da nicht die Rede von der "Schwebegarnele" (Hemimysis anomala) wäre . . .

Allerdings tut diese Garnele nur so, als wäre sie eine echte Garnele aus der Ordnung der Zehnfusskrebse. Tatsächlich ist sie mit diesen gar nicht verwandt, sondern wird als "Ranzenkrebs" mit den Flohkrebsen und Asseln in der Unterklasse Peracarida zusammengefasst.

Die heute weltweit über 780 sicher bekannten Arten aus der Ordnung Mysidae sind mehrheitlich Meeresbewohner, wobei viele Arten sich an den Küsten und in Bodennähe aufhalten, während andere gar in Tiefen weit unter 3000 m abtauchen. Doch einige Arten besiedeln das Süsswasser, aber zeigen eine eigentümliche Affinität zum Brackwasser.

Bei diesen Arten handelt es sich um eiszeitliche Reliktformen aus dem östlich-mediterranen Raum. Das sind Species, die sich in den baltischen Gewässern, wie etwa im Ladoga-See, im Schwarzen-, Kaspischen- und Asowschen Meer, seit der Eiszeit, völlig isoliert von anderen Gewässern und Einflüssen entwickelten. Der Vergleich zu den Cichliden in den afrikanischen Grabenseen liegt nahe . . . und ist nicht von der Hand zu weisen.

Aber im Laufe der Jahrtausende dünnte das Wasser dieser baltischen Gewässer immer mehr aus und wurde leicht brackisch. Daher war es nicht verwunderlich, dass einige dieser Krustentiere plötzlich in der Ostsee auftauchten wo sie bislang noch nie heimisch waren.

Noch grösser war das Erstaunen der Limnologen, als sie 2006 diese Schwebegarnelen (Lymnomysis benedeni) erstmals im Bodensee und wenig später auch im Genfersee entdeckten.

Aber eigentlich war diese "Donau-Schwebegarnele" schon seit 1973 bekannt, als österreichische Gewässerforscher diese Tiere erstmals in den Gewässern der Donauniederungen zwische Wien und Hainburg nachweisen konnten. Und während sie die Wanderung dieser auch "Glaskrebse" genannten Tiere Donau-aufwärts und durch den Main-Donau-Kanal bis in die Niederlanden (1998) und bis Frankreich (2000) verfolgten, wurden in der Donau zwei weitere Fremdlinge, sogenannte Neozoen entdeckt, nämlich Hemimysis anomala und Mysis relicta (Wittman et al., Wien, 2002).

Als dann H. anomala von der Ostsee aus auch viele niederdeutsche Flüsse und Seen eroberte, dauerte es nur bis 1992, dass man diesen Neozoon auch in verschiedenen Gewässern in Finnland registrieren musste. (Salemaa & Hietalathi, 1993)

Noch überraschter war die Fachwelt, als im November 2006 das erstmalige Auftreten der "Bloody Red Shrimp's" in einigen nordamerikanischen Seen, so etwa im Lake Michigan oder Lake Ontario gemeldet wurde. (NOAA Great Lakes Environmental Research Laboratory, Ann Arbor, February 2007). --> Der amerikanische Vulgärname "Bloody Red Shrimp" für diese nur knapp 15 bis 16 mm grosse Schwebegarnele geht auf die kräftig rote Markierung an der Basis des Schwanzfächers sowie die dezentere rote Pigmentierung auf der Bauch- und Rückenseite der Pleon-Segmente zurück, welche von Chromatophoren erzeugt wird.

Den Weg der europäischen Expansion der Schwebegarnelen ist detailliert von K. J. Wittman in seinem Bericht "Continued massive invasion of Mysidae in the Rhine and Danube river systems, with first records of the order Mysidacea (...) for Switzerland" (Revue Suisse de Zoologie, 2007, 114(1):1 - 22) nachgezeichnet.

Was führte zu dieser Invasion ?

Standen vorerst nur grosse Fragezeichen auf diese Frage im Raum, so brachten spätere Studien bald einmal eine unglaubliche Erklärung zutage: H. anomala und einige andere Kruster wurden in den 1950-er-Jahren im Rahmen einer von den damaligen sowjetischen Fischereibiologen begonnene Kampagne aus ihren Heimatgewässern geholt und in die verschiednenen neugeschaffenen Stauseen im Ostsee-Einzugsgebiet, von Littauen bis Leningrad (heute wieder St, Petersburg !) ausgesetzt. Ziel dieser gross angelegten Aktion, die vermutlich um 1960 ihren Höhepunkt hatte, war es, in den biologisch noch "leeren" Kunstgewässer neue Lebensgemeinschaft mit wirtschaftlich wertvollen Fischen samt ihrer Nährtierchen aufzubauen ! (Mordukhai-Boltovskoy, 1979).

Von diesen Stauseen aus erreichten dann die Schwebealgen bald einmal auch die Ostsee, von wo aus sie dann ihre Odyssee starteten ! Aber die Stausee-Fischzuchten der sowjetischen Fischereibiologen endete bald in einem unglaublichen Fiasko: zum einen entpuppten sich die grosse Schwärme bildenden H. relicta und H. anomala als extreme Fressfeinde für die Cladoceren (Waserflöhe) und Copepoden (Ruderfusskrebse) und damit als Killer der wichtigsten Nahrungsgrundlage für die Jungfische, zum anderen aber wurden die Schwebegarnelen von den grösseren Fischen als Nahrung verschmäht . . . ! !


Warum ich dieses Thema hier so ausführlicher behandle ?

Weil gerade dieses relativ aktuelle Beispiel zeigt, wie unkontrolliert Neozoen -- durch Wanderung oder durch Menschen verschleppt -- in den neu eroberten Habitate das ökologische Gleichgewicht verlagern bzw. stören können, indem die angestammte einheimische Fauna dezimiert oder gar ausgerottet werden kann. --- Beispiele dazu gibt es leider zur Genüge.

Mein Fazit: Man muss ja nicht immer jeder aquaristischen Neuheit nachjagen, nur um stets das Exotischste aus dem Angebotsmarkt zu haben, wenn man sich nicht die Mühe macht, erst mal über die Tiere was zu erfahren und kennen zu lernen. Rolling Eyes

Das meint

Ryk
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